Heiliges Niemandsland? Ein paar Gedanken über Hebron.

In Gedanken, Israel

Im Zentrum Hebrons befindet sich der Überlieferung nach die Grabstätte der Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Ein heiliger Ort für beide: Juden und Moslems. Eine heilige Stadt, die ein Miniaturspiegelbild des Nah-Ost-Konflikts ist und ihn auf erschreckende Weise erlebbar macht.

Wie die gesamte Stadt ist auch das Grabmahl Abrahams geteilt. Es gibt einen muslimischen Teil, der als Moschee und einen jüdischen Teil, der als Synagoge genutzt wird. Beide Gotteshäuser sind streng getrennt. Sie werden über unterschiedliche militärisch gesicherte Eingänge erschlossen. Und doch liegen sie im gleichen Gebäude, unmittelbar nebeneinander. Am Grab Abrahams berühren sich Synagoge und Moschee. Von jeder Seiten gibt es einen Durchbruch – ein Fenster, das den Blick auf das Grab freigibt.  Hier sind sich Juden und Moslems nah. Irgendwie gehören sie zusammen. Aber doch bleiben sie getrennt und so weit auseinander.

Abrahams Grab von der jüdischen Seite aus

Ich bin mit dem Bus aus Bethlehem gekommen. Noch bei der Ankunft habe ich das Gefühl eine typische arabische Stadt zu betreten. Es ist viel los auf den Straßen. Händler feilschen, Renter diskutieren wild und Kinder spielen auf der Straße. Die Menschen sind unglaublich freundlich und gehen direkt und offen auf mich zu. Sie freuen sich, dass ich, ein Europäer oder Amerikaner, nach Hebron gekommen bin. Noch verstehe ich das nicht, aber je näher ich dem Grab der Stammväter komme, desto mehr beschleicht mich das Gefühl: In dieser Stadt stimmt doch etwas nicht. Die Straßen werden leerer. Israelische Militärtürme, geschützt von Natodraht und mit Maschinengewehren ausgestattet, ragen in die Höhe. Das löst körperliches Unwohlsein, ja echte Beklemmungen aus. An jeder Ecke Soldaten mit Maschinengewehren. Willkommen in der Zone H2, die von Palästinensern bewohnt wird, aber von Israel verwaltet wird. Hier, in der nahezu verlassenen Altstadt, hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau Wohnhäuser saniert, um nach der zweiten Intifada Palästinenser anzusiedeln. 240 Menschen leben in diesem Quartier. Sie werden mit billigen Mieten gelockt, damit dieser Teil der Stadt wieder stärker bewohnt wird. Ein ziemlich verzweifelter Versuch, im Nah-Ost-Konflikt zu helfen. Aber in Anbetracht der Situation in Hebron sind mehr als verzweifelte Versuche nicht drin.

Ein Ort zum Verzweifeln

Nach dem Verlassen der Synagoge führt mein Weg auf die Shuhada-Straße. Es ist eine Geisterstraße. Hier ist kein Leben mehr. Kein geschäftiges Treiben, wie in wenigen 100 Metern Luftlinie Entfernung. Keine Rentner, die diskutieren. Keine Mütter, die Einkaufstüten nach Hause tragen. Und keine Kinder, die auf der Straße spielen. Dabei war die Straße bis Ende der 90er Jahre das kommerzielle Zentrum Hebrons mit Markt und über 1000 Läden. Heute ist es Palästinensern nur erlaubt einen kleinen Teil der Straße zu benutzen. Zugang zur Straße gibt es allein über einen militärischen Checkpoint. Alle Läden wurden entweder vom Militär oder wegen der durch die Zugangsbeschränkungen verschlechterten wirtschaftlichen Lage geschlossen. Rund um die Shuhada-Straße leben etwa 800 jüdische Siedler, deren Schutz die Abriegelung dient. Sie werden von ca. 4000 israelischen Soldaten geschützt und unterstützt von der israelischen Regierung. Einige Palästinenser haben sich dennoch nicht vertreiben lassen und leben weiter hier. Sie haben ihre Fenster mit Metallgittern gegen Angriffe von jüdischen Siedlern geschützt. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig für die immer wiederkehrenden Ausschreitungen verantwortlich zu sein. Selbst verteidige man sich ja nur. Die Stadt – Hebron bedeutet übrigens sowohl im hebräischen als auch im arabischen Freundschaft – ist trauriges Bild für den Zustand unserer Welt. Es ist ein Ort an dem man den Glauben an die Menschheit verlieren kann.

Mehr zu meiner Reise nach Israel und Jordanien erfährst du hier: Reiseroute Israel und Jordanien.

Schreibe einen Kommentar

Newsletter abonnieren

Trag dich jetzt noch schnell in den Newsletter ein und bleib regelmäßig auf dem Laufenden.
Kein Spam. Maximal eine E-Mail im Monat. Versprochen!

Du erhältst jetzt eine E-Mail zur Bestätigung!

Pin It on Pinterest